Eigentlich kommt doch jede Welle aus Amerika irgendwann auch bei uns in Deutschland an. Doch die Erkenntnisse von Sher bzgl. des Scanner-Phänomens hält in Deutschland keinen großen Einzug.
Recherchiert man hier nach „Scanner“ (ohne Sher dazu einzugeben) so sind es die technischen Errungenschaften, die man findet: Onlinescanner, Funkscanner, Dokumentenscanner usw.
Nur die „Betroffenen“ selbst und einige Buchrezensionen sowie Vortragsankündigungen beschäftigen sich hierzulande mit dieser Theorie. Unsere Fachleute der Psyche nehmen sich dieses Themas scheinbar gar nicht an. Gut, ist ja auch keine Krankheit. Aber die Theorie von Sher auf Deutschland zu übertragen erscheint mir sinnvoll. Denn nicht alles, was Sher in ihrem Buch vorschlägt, können wir hier analog anwenden. Die Deutschen sind anders.
Doch nun zu dem Warum
Ich glaube, der Knackpunkt ist, dass wir in Deutschland die Gradlinigkeit geradezu verehren. Wer sich nicht spezialisiert, ist ein Taugenichts, ein Hans-Dampf in allen Gassen. Doch Hans-Dampf hat einen negativen Touch. Denn Hans-Dampf macht ja nichts richtig oder ganz, sondern er fängt mit allem an und führt nichts „richtig“ zu Ende. Seine Gründe dafür zählen bzw. interessieren nicht.
Hans-Dampf ist unstet. Etwas, was in unserem Land irgendwie keinen Platz hat. Wir lieben Tradition, Zuverlässigkeit undHartnäckigkeit. „Er hat sich durchgebissen“ ist ein Kompliment für jemanden, der – obwohl es ihm schwergefallen ist und er gerne etwas anderes getan hätte – etwas getan hat, was „anerkannt“ war / ist. Etwas, das dazu beiträgt, den Lebensunterhalt zu sichern und damit auch der Gemeinschaft dient. Es kommt nicht darauf an, was man tut, sondern dass man tut. Im besten Fall dient man mit seinem Tun sogar der Gesellschaft, wie z. B. Pflegekräfte, Sozialarbeiter usw.
Der Scanner mit der Vielfalt seiner Ideen, einer gewissen Sprunghaftigkeit aber auch einer guten Portion Begabung hat in Deutschland nicht wirklich Platz. Er ist nicht erwünscht. Er widerspricht den jahrhundertealten Tugenden der Deutschen.
Wie seht Ihr das eigentlich?
Es ist einfach traurig, weil man so alleine gelassen wird mit diesem Phänomen und Problem.
Würde das Phänomen mehr Anerkennung bekommen, könnten sich vielleicht ganze Lebensbereiche herausbilden, die diesem Typ von Mensch dienen könnten.
Kommentar von Michael Michalowski — 15. März 2009 @ 22:32 |
Ich stimme dem zu, tatsächlich passt ein Scannerdasein nicht ‘ins System’ welches tatsächlich noch sehr von den deutschen Tugenden geprägt ist (die ja nicht unbedingt das Schlechteste sind
). Außerdem ist ‘das Andere’ schon von jeher mit Argwohn betrachtet worden.Vielleicht spielt aber auch bei manchen ein bißchen Neid mit rein.
Kommentar von Catrina — 17. März 2009 @ 07:35 |
Hallo Michael und Catrina,
es gibt eben keine Lobby für Scanner. Vielleicht sollten wir die selber bilden?
@Catrina: Die Mail beantworte ich auch noch.
Kommentar von scannerin — 17. März 2009 @ 22:54 |
Ich bin gerade auf der Suche nach einer positiv besetzten Berufsbezeichnung, da ich mich selbständig machen werde. Das eheste ist da noch „Generalistin“, aber auch da werden keine Leute explizit gesucht. Wenn man im IT- / Elektronik-Umfeld unterwegs ist, sind doch eher die Spezialisten gesucht. Ja, ich kann Geld verdienen, da ich auch WEB-Pages machen kann, aber ich bin nicht so fit, wie jemand, der das jeden Tag macht – aber das wäre ja auch langweilig … Früher gab es ja noch die „Leonardo-da-Vinci“-Kultur, in der es geschätz wurde, vielseitig zu sein. Sie wäre wert, wiederbelebt zu werden!
Kommentar von scannerprincess — 23. März 2009 @ 05:06 |
Ich weiß nicht, ob die Bevorzugung von „Spezialisten“ zwangsläufig was mit einer „Verehrung“ zu tun hat …
Nehmen wir mal an, ihr wollt euch ein Haus bauen lassen und habt die Wahl zwischen zwei Maurern: von dem einen wisst ihr, dass er seit sehr kurzer Zeit (aber mit großer Leidenschaft) Häuser baut und dass er außerdem gelernter Koch ist, eine Weile ein Blumengeschäft geführt hat, Tauchlehrer auf den Seychellen war, an den Wochenenden als Schlagzeuger mit einer Band auftritt, Vereinsvorstand des örtlichen Häkel-Clubs ist und nebenberuflich Autos repariert. Von dem anderen wisst ihr, dass er seit 30 Jahren mit Leib und Seele Maurer ist und das Familien-Bauunternehmen in dritter Generation führt. Wem würdet ihr die Baupläne spontan eher anvertrauen wollen? Ich persönlich letzterem … Und gewiss nicht, weil ich seinen geradlinigen Lebenswandel verehre, sondern weil mir, ganz eigennützig, seine 30 Jahre Berufserfahrung schlicht und ergreifend für meinen Zweck (des, möglichst „unfallfreien“, Hausbaus) nützlicher erscheinen als die erstaunliche, bewundernswerte Vielseitigkeit des Gelegenheits-Maurers. (Den würde ich aber gerne auf einen Tee einladen, weil ich mich mit ihm bestimmt prima verstehen würde
Wie „erwünscht“ und anerkannt ist euch höchstselbst die eigene Eigen-Art denn eigentlich?
Kommentar von Sandel — 25. März 2009 @ 13:10 |
Hallo Sandel,
ja, Du hast Recht. Mein Auto bringe ich auch in eine Werkstatt und nicht zum Hobbybastler….
Allerdings gibt es sehr viele kreative Bereiche, bei denen ich Spezialisten als eher hinderlich ansehe. Nehmen wir doch einmal die Erstellung von Webseiten. Schaut man sich die Anbieter an, so arbeiten die meisten mit EINEM bestmmten Programm. Ihre Referenzseiten sehen dadurch in der Regel alle irgendwie „gleich“ aus.
Ich muss mich also erst für das mir passende Design und dann für den Programmierer entscheiden. Hier wären mir Generalisten viel lieber, weil sie viel wahrscheinlicher die verschiedenen Komponenten, die mir bei der einen oder anderen Seite gefallen, besser miteinander kombinieren könnten.
Dann gibt es auch die Scanner, die so gar nicht zu Potte kommen. Auch da bin ich eher abgeneigt. Vor allem, wenn alles nur mit der Begründung, dass es auf das Desinteresse der „anderen“ trifft beendet bzw. gelassen wird. Oft genug hören wir ja mit Dingen einfach auf, weil sie uns tatsächlich nicht mehr interessieren und nicht, weil sie andere nicht interessieren.
Für mich ist es eine Frage der eigenen Akzeptanz und wie der andere Scanner mit seiner Eigenart umgeht, ob ich ihn und seine Eigen-Art schätze oder nicht. Für mich ist wichtig, dass er z. B. weiß, was da bei ihm abläuft und dazu steht.
Kommentar von scannerin — 4. April 2009 @ 12:53 |
Mir hat vor Jahren schon mal jemand gesagt, dass jemand, wie ich in den USA sofort einen Job bekommen würde und soweit ich das überblicke, hat diese Person recht damit.
Beruflich kenne ich die Situation in Personal- und Fachabteilungen gut und weiß genau, dass Menschen wie wir, eher mit Skepzis gesehen werden. Andererseits denke ich auch, dass es möglicherweise anders laufen könnte, wenn man die Gelegenheit hätte, sich als Scanner vorzustellen. Ich denke, das ist möglich. Wenn ich aber, wie in dem Buch von Frau Sher selbst mich noch schäme oder dergleichen, weil ich ja noch nie etwas richtig gemacht/zu Ende gebracht oder was auch immer habe, dann kann ich mich auch nicht gut vertreten.
Da ich beruflich mich genau mit diesem Thema beschäftige, wie man in unwirtlichen Zeiten Arbeit oder auch Jobs auftut, die einem liegen oder die es möglicherweise noch gar nicht gibt, eröffnet sich hier für mich ein sehr interessantes Betätigungsfeld.
Puh, meine Scannerseele kommt grad auf Hochtouren.
Kommentar von somlu — 11. Juni 2009 @ 10:43 |